Zwei Vorberichte zum Interview von Laurent Boyer (M6)


(1) Télé 7 Jours, April 1991

(Übersetzung durch Peter Marwitz, Oktober 2000)


Überraschung von Laurent Boyer, am Sonntag, dem 7., auf M6

Am Sonntag um 9 Uhr zeigt M6 in «Pour un clip avec toi» («Für einen Clip mit dir») die exklusive Reportage von Laurent Boyer über die Dreharbeiten zum Clip «Désenchantée» in Ungarn. Laurent, der als einziger bei den Dreharbeiten dabei sein durfte, hat die Sängerin bereits einige Male getroffen. Er kannte ihren extremen Perfektionismus, ihren Anspruch. Er hat eine Mylène von ungeahnter Energie entdeckt. Die Dreharbeiten zum Clip fanden zum einen in einer verlassenen Fabrik statt, sechs Kilometer von Budapest entfernt, dann in der Puszta, diese besonders flache Ebene, wo der Horizont sich in den Wolken verliert. «Überall lag Schnee. Die Dreharbeiten begannen jeden Tag um 6 Uhr morgens und endeten nicht vor 18 Uhr. Wir waren alle ganz steif vor Kälte, die Füße stapften im Schnee. Nicht im mindesten den Star spielend, hat Mylène sich nicht einmal beklagt. Mehr noch, sie war es , die daran dachte, sich um die Kinder zu sorgen, sich nach ihrer Verfassung zu erkundigen, mit ihnen zu sprechen. Laufen, fallen, sich zwanzig mal wieder aus dem Schnee erheben – sie hat es hingenommen, die Szene zu wiederholen, wenn sich ein technisches Problem oder eins der Inszenierung ergab. Niemals ein Wort des Genervtseins. Und immer mit einer erstaunlichen Energie für eine so zierliche und kälteempfindliche Frau. Stark auch in bezug auf die Moral. Sich niemals den Interview-Fragen entziehend, die wir zwischen zwei Szenen bei den Dreharbeiten gestellt haben. Das Vertrauen. Wir haben uns alle Freiheiten gelassen, so zu drehen, wir es uns gut erschien, ohne besonderes Licht oder Schminke/Maske. Eine Zuammenarbeit in aller Einfachheit.»




(2) Télé Poche, 6. April 1991

(Übersetzung durch Peter Marwitz, Oktober 2000)


Laurent Boyer erzählt (von) Mylène

Laurent Boyer zeigt exklusiv eine Reportage über die Dreharbeiten über die Dreharbeiten in Ungarn zu «Désenchantée», dem neuen Clip von Mylène Farmer. Aus Budapest hat Laurent eine Reportage gebracht, die am Vorabend der Veröffentlichung von «L’autre...», des neuen Albums von Mylène, ausgestrahlt werden wird. Für Télé Poche hat Laurent Boyer sein Reisetagebuch aufgeschlagen.

Überraschung! Am 18. Februar hat der Produzent Thierry Suc uns vorgeschlagen, Mylène Farmer in Ungarn bei den Dreharbeiten zu «Désenchantée» zu treffen. Nach einem Jahr Pause, das auf den Triumph auf der Bühne folgte, hat Mylène unsere Sendung für ihr Comeback ausgewählt.

Zum ersten Mal waren die Kulissen eines Clips von Mylène für ein Fernsehteam geöffnet worden. Wir haben in totaler Freiheit gefilmt, der Regisseur-Musiker Laurent Boutonnat, ihr Partner seit der allerersten Stunde, enthüllte seine Art zu arbeiten. Er weiß, wo er hingeht. Kein geschriebenes Drehbuch. Alles ist in seinem Kopf aufgezeichnet.

Aufstehen um fünf Uhr morgens. Um sieben Uhr findet sich das ganze Team von «Désenchantée» (40 französische Techniker und 80 Ungarn) in einer Vorstadt von Budapest ein. Eine verlassene Fabrik fungiert als psychiatrische Anstalt. Mit ihren außergewöhnlichen Gesichtern scheinen die hundert Statisten direkt aus einem Roman von Dickens entsprungen zu sein. Der Schnee und die Kälte betonen die morbiden Eindrücke. Unter dem schweren und tiefen Himmel der Ebenen der ungarischen Puszta hat Mylène mich überrascht und verwirrt/aus der Fassung gebracht.

Ausgestattet mit einer unglaublichen professionellen Unerbittlichkeit, wiederholt sie unermüdlich die gleichen Einstellungen mit der gleichen Überzeugungskraft. Trotz der Kälte und der Müdigkeit hat sie die Dreharbeiten niemals unterbrochen.

Ich kenne Mylène seit „Maman a tort”, ihrer ersten Single. Ich habe immer den Wunsch gehabt, mehr über sie zu wissen. Sie fasziniert mich. Man braucht Zeit, Geduld, um mit ihr „vertraut zu werden”. Ich habe beobachtet, wie sie lebt, ohne sie zu stören, ohne sie zu (be)drängen. Im Interview spricht sie mit Zurückhaltung und Ernsthaftigkeit über ihre Schwierigkeitenmit dem Leben.

Wenn sie die Zukunft anspricht, denkt sie auch an Mißerfolg/Scheitern. Weil sie auf dem Gipfel ist und das Metier, in dem sie ist, gut durchschaut, ist sie überzeugt, eines Tages das Chaos kennenzulernen. Dies ist im Grunde die Aussage von „Désenchantée”: „Si je dois tomber de haut / Que ma chute soit lente / Je n’ai trouvé de repos / Que dans l’indifference / Pourtant, je voudrais retrouver l’innocence” („Müßt ich fallen aus den Höh’n, / Wär mein Sturz zäh und weit. / Ich hab Zuflucht nie gesehn – / Nur in Gleichgültigkeit. / Dennoch möcht ich die Unschuld frührer Zeit”).

Mylène ist ein wirkliches Paradox, ein Zustand, den sie bereits in „Sans logique” für sich beansprucht. „Huisclos” von Sartre zitierend sagt sie, die Hölle, das sind die Anderen. Aber sie bestätigt, die anderen nicht entbehren zu können. Sie ist eine erstaunliche Persönlichkeit.

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Presse 1991