s gibt Künstler, deren Stimme in einem intimen Pantheon widerhallt. Es gibt Begegnungen wie Antworten, die das Echo des eigenen inneren Getöses begleiten, bestätigen. Mylène Farmer gehört zu diesen Begleiterinnen. Danaé von Klimt, flüstert sie ihr Unbehagen, schreibt ihre Texte selbst, die die Freuden des Fleisches ausbreiten, die Einsamkeit einer von Ängsten durchtränkten Seele, und den Tod duzen.
Die Wahl von Peter Lindbergh war die ihrige. Sie kennt seine Photos, seine natürliche Komplexität, seine Vorliebe für ohne Künstlichkeit, in schwarz und weiß eingefangene Persönlichkeiten. Er kannte sie kaum, hat aber dem Treffen auf Anhieb zugestimmt.
«Was mich bei Mylène Farmer erstaunt hat, war die Schnelligkeit, mit der das Vertrauen geschaffen wurde. Ich habe sie zu Beginn der Photosession introvertiert, mißtrauisch gespürt, dann hat sie sich geöffnet. Jede Viertelstunde wurde sie schöner. Sie ist ergreifend/aufregend.»
In dieser geschwätzigen Zeit besitzt Mylène Farmer die Intelligenz der Stille, genauso rätselhaft wie eine Schauspielerin des Stummfilmkinos.
Die Geburt im Jahre 1961 und die Kindheit in Montreal bis zum Alter von 11 Jahren, die Jugend in dem Pariser Vorort Ville-dAvray und, vielleicht, eine Abwesenheit des Dialogs mit dem Familienkreis. Das ist alles. Sie hat sich entschieden, sich nicht über ihre Kindheit auszulassen.
«Ich habe Erinnerungslücken. Das Heranwachsen war ein Abschnitt, den ich gehaßt habe und ich habe keine Erinnerung an die Kindheit. Ich habe Menschen getroffen, die unter der gleichen Sache litten, ohne deshalb aus dem Gleichgewicht gebracht zu sein. Manchmal bin ich versucht, etwas zu erfinden, um meine Ruhe zu haben.»
Mylène Farmer ist pünktlich, bestellt eine Cola, streichelt im Vorbeigehen einen Strauß roter Rosen, legt ihre Zigaretten auf den Tisch. Sie spricht leise, mit längeren Pausen. Ledermantel, knielanger Rock, kurze Weste aus fuchsrotem Kaschmir, schwarze Sonnenbrille, samtartiger Farbton, untadeliger Haarknoten, auffälliges Rotbraun. Diese Flamme, die ihren Kopf vergoldet, ist ein Teil der Figur. Indem sie sich in dieser Bernsteinfarbe den Kopf bedeckt, wie ein Possenreißer im Zirkus, unterstreicht sie ihre Randexistenz. In der Vielzahl der Glaubenssätze und Vorstellungen, die mit der Rothaarigkeit verbunden sind, ist die Rede von Exzess, verschärfter Begierde, von Ehre und Schande, von Ambivalenz und vom Rückzug auf sich (selbst).
«Das Paradox, die Dualität ist Teil meiner Tage. Es gibt (in mir) die extrem introvertierte, zurückgezogene Person, die der Stille und der Abwesenheit zugetan ist. Dann gibt es die andere, die das Licht liebt und die sich für dieses Licht durchkämpfen muß. Das ist ein Kampf in all seiner Macht/Gewalt.»
Seit ihren Anfängen vor 15 Jahren war Mylène Farmer ein phänomenaler Erfolg: fünf Alben, von denen jedes durchschnittlich 1,3 Mio Exemplare verkaufte; ein Doppel-Live-Album, das sich 900.000 Mal verkaufte, ohne die vielen ausverkauften Konzerte im Palais Omnisport von Paris-Bercy zu erwähnen. Am Ursprung dieses Erfolgs war die Begegnung mit Laurent Boutonnat, ihrem Alter Ego Regisseur, Komponist, und ein gemeinsames Bewußtsein für den Einfluß der Bilder. Eine verfeinerte Ästhetik, entschlossen merkwürdig, genährt von Tarkovsky, Bergman, Russell und Lean.
«Laurent ist sehr wichtig in meinem Leben. Wir sind beide verliebt ins Kino, sensibel für das, was einen guten Film ausmacht, vom Drehbuch bis hin zur Qualität der Bilder. Im Zusammenhang mit der Musik, für die Verwirklichung unserer Clips, denken wir immer in den Begriffen des Kinos, der Emotionen.» Von Libertine bis Désenchantée, von Pourvu quelles soient doucesbis California, jede Single von Mylène Farmer wurde von einem kurzfilmartigen Clip im Breitwandformat begleitet, in denen sie die ewige Heldin ist, häufig mißhandelt, vom Verfall in Versuchung geführt, gleichzeitig . Heute hat Laurent Boutonnat seinen Platz hinter der Kamera Luc Besson, Abel Ferrara oder Marcus Niespel überlassen, aber er bleibt der Komponist der Melodien, die die Worte seiner Muse bekleiden. Oder vielmehr ihre Dämonen.
«Wenn es um Literatur oder Malerei geht, bewege ich mich spontan in die Richtung der düsteren Werke. Cioran, Baudelaire, Julien Green, Edgar Poe, Egon Schiele... Ich finde darin einen Dialog, eine Familie. Mit ihrer zarten Stimme, in die Höhe geschwungen, bis sie manchmal nur noch an einem Faden hängt, wirft Mylène Farmer mit bewölktem Blick ihr Tagebuch zum Fraß vor, singt das Gemetzel der Hellsichtigkeit, ihr Ich im Ringen mit dem Bewußtsein, der Vaterfigur, der Bisexualität, der Sodomie, der Liebe und dem Tod. Nur Serge Gainsbourg hat die Gewohnheiten so weit gestört/durcheinandergebracht.
«Das erste Mal, als ich Mylène Farmer gehört hatte, war ich erschüttert», bekennt Elton John. «Ich hege eine große Bewunderung für sie. Ich liebe ihre Stimme, ihre Leiden, ihre Art sich zu bewegen. Shes so french!»
«Mit dem Schreiben habe ich die Schleusen zu all meinen Emotionen, meinen Verwirrungen geöffnet. Das war lebenswichtig. Auf dem vorhergehenden Album ("Anamorphosée") habe ich sanftere, weniger gewalttätige Dinge ausgedrückt, ich dachte, daß ich auf dem Weg des inneren Friedens wäre. Mit "Innamoramento", meinem letzten Album, wurde mir merkwüdigerweise bewußt, daß ich aufs Neue in Richtung der anderen Welt, anderer Ängste schwenke... Alles entsteht und zerfällt unerbittlich.»
Weil sie sich in ihrem letzten Clip («Je te rends ton amour») nackt, mitten in eine Blutlache in einer Kirche gehockt zeigt, hat Mylène Farmer den Bannstrahl der Zensur angezogen, die von ihr Entschärfungen verlangt hat, unter der Androhung, den Clip zu verbieten.
«Ich bin schockiert von so einer Nachricht», erklärt Salman Rushdie. «Das klingt nicht französisch. Ich habe selbst eine kleine Erfahrung dieser Art gemacht und verstehe nicht, wie Frankreich, überall als das Land der Freiheiten angenommen, zu so etwas kommt.»
Salman Rushdie hat Mylène Farmer vor einigen Jahren in London getroffen, bei einer Ausstellung des Malers Francesco Clemente. Seitdem haben sie sich wiedergesehen, in England, in der Wohnung der Sängerin in Paris und in New York, wo sie gemeinsam das Konzert von David Byrne besucht haben. «Mylène ist eine Freundin. Ihre Texte, zwischen Melancholie und Sinnlichkeit, Leiden und Hingabe, berühren mich. Ihre Stimme, halb von dieser, halb aus einer anderen Welt, ist erstaunlich, es ist die Stimme eines gefallenen Engels. Mylène ist eine der schönsten Frauen, die ich jemals getroffen habe.»
Ihren Körper, den sie wie ein unfertiges Gemälde empfindet, die Komplexität ihrer Beziehungen zu anderen, ihre Angst vor der Menge, transzendiert/überwindet sie, indem sie auf die Bühne geht, die große, starke Lokomotive, beständig.
«Intimität/Vertraulichkeit ist möglich, egal wie die Umgebung ist. Ich erschaffe die Intimität in der Über-Dimension. Ich habe Lust dazu, ich benötige das, ohne deshalb das Gefühl zu haben, daß das eine Art ist, mich zu schützen. Die Bühne ist eine Selbstaufopferung, ich nähre mich von der Liebe der anderen, und das andere ist unermeßlich.» Manchen drängt sich der Vergleich mit Madonna auf. Großartiges Bühnenbild, aus Los Angeles (wo sie ihre Alben aufnimmt) importierte Musiker, Choreographien von hoher Präzision und ein sonst im Show-Biz quasi nicht vorhandener Anspruch.
«Ich kenne Mylène seit sie 16 ist», erzählt der Modedesigner Thierry Mugler, der die Kostüme für ihre erste Tour 1989 entworfen hat. «Wir waren im Kurs Florent, wo wir gemeinsam Workshops/Ateliers besuchten. Zu der Zeit war die Rede vom Theater, nicht von der Musik. Ich erinnere mich, daß sie in der Menge der 800 Schüler aus dem Rahmen fiel, sehr hübsch, zierlich, weniger stark als heute. Die Persönlichkeit Mylène Farmer war bereits da.»
Zwischen zwei Zigarettenzügen und einem Lachanfall, ausgelöst durch eine Frage über die Tyrannei des Sex, von der sie zugibt, ihr zu erliegen, wundert sich Mylène Farmer: «Man befragt mich nie zu meinem verrückten Lachen. Ich liebe die Komik des Absurden, sehr alberne Dinge, sehr kindisch wahrscheinlich. Ich liebe den Humor von Albert Dupontel, selbst wenn es ein grausames Lachen ist, nicht sehr heiter und unbeschwert. Ich liebe den Zynismus, vor allem bei anderen.»
«Die Faszination, die Mylène Farmer hervorruft, hat etwas von einem Kult», erkennt die Schriftstellerin Amélie Nothomb. «Sie interessiert mich seit meiner Jugend. Im Zusammenhang mit einer Begegnung, die die deutsche Vogue ermöglicht hat, hatte sie mich zum Essen eingeladen. Ich, die ich in Japan gelebt habe, war erstaunt von ihrer japanischen Seite. Von ihrer Reserviertheit. Selbst, wenn sie versucht, warm zu sein, fühlt man, daß sie Gefangene von sich selbst ist, wie wider Willen zurückgezogen hinter einer Eisschicht.»
Mylène Farmer sagt, daß sie sich häufig fragt, wieso die Öffentlichkeit ihr folgt, nicht müde wird, sie zu sehen. Ihre Munterkeit/gute Laune ist intakt, keinerlei Zeichen von Ungeduld. Wir werden nicht auf dem Weg des Intimen gehen. Das ist ein stillschweigendes Abkommen. Solange die Gefühle echt/aufrichtig sind, umgeben sie sich mit Stille. Man trifft sich zum Schwatzen, wenn die Emotion tot ist.
|