Top Music (Strasbourg)

Radio-Interview mit Mylène Farmer, 25.04.1999

(Übersetzung durch Peter Marwitz, März 2000)




Herve Petit: Auf Anamorphosée wurde ein einziges Lied komplett von Mylène Farmer geschrieben. Auf Innamoramento sind bereits 5 von 13 Titeln ausschließlich von Ihnen. Kann man also ein Album vorhersagen, auf dem Sie bei allen Liedern Musik und Texte schreiben?

Mylène Farmer: Das weiß ich nicht. Ich liebe es, mit Laurent zu arbeiten, ich liebe seine Musik, ich mag die Arbeit, die wir gemeinsam machen, deshalb kann ich auf diese Frage nicht antworten. Die Tatsache, hier 5 Lieder von mir zu haben, ist auf keinen Fall ein Anspruch. Es war ein Wunsch, sie waren da und ich hatte das Verlangen, daß sie existieren. Wenn nicht, wäre es eine Verneinung von mir selbst gewesen, deshalb habe ich mir diese Übung erlaubt. Ob ich morgen auch noch die Lust habe, es zu machen – darauf habe ich keine Antwort...

Mylène Farmer, wenn man sich in Ihre Schriften, in Ihr Album, insbesondere Ihr letztes Album, stürzt, hat man manchmal Mühe, sich den genauen Sinn Ihrer Worte vorzustellen. Was hat Sie dazu inspiriert?

Tja, ist das alles im voraus bedacht? Ich weiß es selbst nicht, ich glaube nicht, aber ich mag die Idee, daß, wenn man diese Texte liest, jeder das herausschöpfen kann, was er herausschöpfen möchte, sich im Grunde seine eigene Geschichte erzählt; selbst wenn es nicht meine ist... es ist besser, zwei, drei, vier Interpretationen zu haben, ich liebe diese Freiheit und ich liebe es, daß man mir das im Grunde sagt. Ich mag es, wenn man mir sagt: "Das ist vielleicht nicht sehr sehr genau, das ist vielleicht elliptisch, aber ich habe etwas gefunden". Wenn man mir sagen würde: "Ich verstehe überhaupt nichts", wäre das beunruhigend für mich (lacht). Wenn ich ein Lied schreibe, erzähle ich eine Geschichte, die zu mir gehört. Ist es nun so interessant, das Warum und Weshalb und die Berechtigung dieser Geschichte zu wissen? Ich bin mir nicht sicher...

«L’âme-stram-gram» ist die erste Single vom neuen Album – wieso haben Sie gerade dieses Lied gewählt?

Wissen Sie, das hat sich so ergeben, als ich aufs Neue mit Laurent zusammengearbeitet habe... Er hat einen Rhythmus vorgeschlagen und ich muß zugeben, daß ich große Lust nach etwas genau so Rhythmischem, etwas Lockerem hatte. Was nun das Thema anbetrifft... es scheint mir doppeldeutiger zu sein... und wenn es nur ist, daß ich dieses Thema mit dem Bild wieder-umgeleitet habe zu neuem («et si ce n’est que j’ai re-détourné ce thème à nouveau avec l’image»). Also erlaube ich mir in einer eigenen Geschichte eine andere Lesart.

«L’âme-stram-gram» ist die erste Auskopplung vom neuen Album «Innamoramento», dennoch kann man meinen, daß dieses Stück nicht wirklich repräsentativ für das Album ist, ich habe sogar einige Stimmen gehört, die meinten, es würde dem Lied an Originalität mangeln. Was halten Sie von diesen Überlegungen?

(Seufzer) Nun, ich bin verpflichtet, diese Kritik zu akzeptieren. Es gehört mit zum, wie soll ich sagen, Wesen dieses Berufs, daß man nicht immer geschätzt wird... Falls es nun eine Enttäuschung ist, ist es schade...

«L’åme-stram-gram» ist natürlich auch der erste Clip, den wir vom neuen Album zu sehen bekamen. Mit diesem Video kehren Sie zum erzählerischen Clip zurück, zum Kurzfilm. Warum?

Auch das war wiederum eine spontane Angelegenheit. Ich hatte – vielleicht aufgrund der Musik, vielleicht aufgrund der Texte – ganz einfach Lust auf Bilder und eine Geschichte. Deshalb hatte ich das Verlangen, wieder zu Geschichten zurückzukehren.

Und die Geschichte des Clips – ist das eine Legende oder eine Geschichte, die Sie geschaffen haben?

Ja, die Geschichte habe ich geschrieben.

Der erste Titel Ihres Albums heißt «L’amour naissant». Sie sehen sie (die Liebe) wirklich wie eine Reise an, von der man den Eindruck hat, sie zu durchleben, eine Reise per Boot, gleichzeitig musikalisch wie real... Haben Sie es sich so vorgestellt?

Es ist genau das, was ich mit diesem Lied hervorrufen wollte; ich selbst bin durch Irland gereist, außerdem bewundere ich den Film «La Fille de Ryan» vonDavid Lean... ich liebe die Geschichte, die sich entwickelt, ich mag die Liebenden in dem Film und ich war verlockt, selbst auf diesem berühmten Boot zu reisen, wie Sie es gesagt haben (lacht). Deshalb habe ich Naturgeräusche gewollt – die Andeutung von Natur, Wind –, die Liebesgefühlen nahestehen.

Und die afrikanischen Chorgesänge am Ende?

Die afrikanischen Chorgesänge sind hinzugestoßen, sie waren Teil der Reise. Sie fragen, warum afrikanische Chöre... Es war eine Lautmalerei, sie hat sich ergeben, als ich sie phonetisch schrieb... Als die Sängerinnen im Studio angekommen waren, zeigte es sich, daß sie aus fünf unterschiedlichen Gebieten kamen. Sie haben mir gesagt, daß es eine nahezu perfekte Übersetzung in den verschiedenen Dialekten gibt und daß es dieses oder jenes heißt, und man hat bemerkt, daß das einen sehr in die Höhe trug, spirituell, also war es eine Überraschung; sie haben sogar einige Klangfarben modifiziert.

Eine kurze Frage: geschieht Liebe für Sie auf der Reise?

Was mich anbetrifft, ja, geographisch auf jeden Fall. Ich brauche Reisen, um mich selbst zu regenerieren und ich habe das Verlangen, das Gefühl der Liebe wiederzuentdecken.

«Dessine-moi un mouton» zeigt eine Klangfarbe, die mit der vergleichbar ist, die man bei «L’instant X» hört. Zum Beispiel eine tiefe Stimme, die Sie normalerweise nicht haben...

Es stimmt, daß die meisten Lieder eine eher hohe Stimme verlangen, und hier war es diesmal im voraus bedacht. Das heißt, weil ich einen Stimmumfang habe, der auch in die tieferen Lagen reicht, hatte ich Lust, diese Tiefen wiederzufinden.

Ruft diese etwas besondere Stimmlage im allgemeinen Reaktionen hervor?

Ja, auf jeden Fall. Ich mag das, weil das im Grunde zumindest eine Überraschung hervorruft und es langweilig ist, immer die gleiche Sache zu wiederholen.

Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen «Dessine-moi un mouton»und «L’instant X», wenn man schon ähnliche Arrangements findet?

Die Sache, die ich wiederfinde oder die ich sehe, ist, daß dies ohne Zweifel ein Stück für die Bühne ist. Ich sehe auf jeden Fall eine Energie, die meinige, und ich hoffe auch vom Publikum, die mit der von «L’instant X» vergleichbar sein kann.

Wo Sie von der Bühne sprechen – denken Sie heutzutage beim Komponieren an Ihre Live-Auftritte?

Das weiß ich nicht. Auf jeden Fall ist es mein Wunsch, dieses Album praktisch in seiner Gänze auf der Bühne zu durchleben.

Sind Sie inzwischen ruhiger/gefestigter? Es gab eine Zeit, wo man sagte, daß Sie eine panische Angst vor der Bühne gehabt hätten...

Hmmm, ich weiß nicht, ob das der richtige Ausdruck dafür ist. Ich habe mir viel Zeit gelassen, live aufzutreten, ich habe 5 Jahre gewartet, bis ich mein erstes Konzert gegeben habe, aber nur, weil ich mir selbst diese Übung nicht erlaubt habe. Ich stellte fest, daß ich dann von der Angst, vom Lampenfieber befallen wurde. Ich glaube, daß ich heutzutage das gleiche Lampenfieber habe, die gleichen Befürchtungen. Ich weiß aber auch, inwieweit ich diese Momente des Auftretens geliebt habe und inwieweit ich sie benötige, so daß ich sage: "Zum Teufel mit der Angst" (kurzes Lachen).

Im Titel «Je te rends ton amour» befinden Sie sich in der Haut eines Malerei-Aktes, eines Akts von Egon Schiele. Wieso Egon Schiele?

Wissen Sie, jedes Mal, wenn ich mir mich selbst vorstelle, oder in meinen schlimmsten Momenten, wenn ich MICH sehe, sehe ich mich wie einen Akt von Egon Schiele. Ich liebe diesen Maler durch und durch, ich liebe seine Gemälde, ich mag seine Leiden... Ich mache mir kein Kompliment, wenn ich mich als ein Akt sehe – selbst wenn es der Akt eines Meisters ist –, weil diese Frauen knochig sind, dünn... genau so kann ich mich manchmal sehen (lacht).

Mögen Sie auch andere Maler?

Hmm, welche Maler mag ich sonst? Ich liebe Max Ernst, aber das ist nicht die gleiche Richtung...

Aber Sie bevorzugen offensichtlich die moderne Kunst – umgeben Sie sich in Ihrer Wohnung mit Gemälden moderner Kunst?

Ich habe viele davon, überall. Nein, nicht an den Wänden, ich hänge die Bilder nicht auf, ich lasse sie auf dem Boden stehen, aber sie sind dafür immer eingerahmt, und es gibt hierbei ein totales Abtauchen/Versinken (lacht).

Auf dem Cover des «Innamoramento»-Albums ist ein Photo einer Mylène Farmer abgebildet, das Sie hoch oben auf einem Käfig sitzend zeigt, der in einen Ozean getaucht ist. Jetzt, wo Sie den Käfig verlassen haben, werden Sie wieder dorthin zurückkehren?

Die Tür ist offen, also kann ich immer wieder aus Neue zurückkehren, das ist die Frage, vor der ich stehe...

Ist diese Mylène ein Vogel?

Man kann darin sehen, was man will, aber es ist wahr, daß die offensichtliche Lesart – man sieht einen Käfig, man sieht einen Umriß obendrauf – einen an einen Vogel denken läßt. Egal, ob es ein Vogel ist oder nicht... ich mag die Idee, daß man diese geöffnete Tür sehen kann und daß dieser Käfig selbst wieder von Wasser eingeschlossen ist, das bedrohlich sein kann oder friedlich, man weiß es nicht genau...

Das Photo wurde, nebenbei bemerkt, in Miami gemacht, oder?

Ja, man wollte dieses Meer wegen des Klimas und weil der Photograph dort war. Aber ich hätte es auch genauso gut und vielleicht auch lieber z.B. in Irland aufnehmen lassen können.

Mylène, auf Ihrem neuen Album singen Sie im Lied «Optimistique-moi» «Papa, reviens-moi...» («Papa, komm (mir) zurück»). Was verbirgt sich hinter diesem Ausdruck?

(schluckt) Das zu erklären habe ich keine Lust (kurzes nervöses Lachen).

Im Lied «Serais-tu là» hat man den Eindruck, daß Sie wirklich, wirklich viel verlangen. In Liebesdingen setzen Ihre Lieder die Hürde immer sehr sehr hoch an – denken Sie, daß Sie sich selbst auf der Höhe der Anforderungen befinden, die Sie an die Liebe stellen?

Ich glaube, daß ich dazu auf jeden Fall in der Lage bin... Hat man mich (bisher) auf die Probe gestellt? Vielleicht nicht...

In «Consentement» gibt es eine Formulierung, die wie folgt lautet: «Je veux du vous quand les dessous sont tutoiements» («Ich will das Sie, wenn die Dessous auf du und du (auf Tuchfühlung) sind»). Das ist... zart/frivol (mit sinnlicher Stimme)...

Es ist auf jeden Fall erotisch (lacht). Ich mag die Idee des «vous» (Sie/Ihr), ich liebe seine Sinnlichkeit, ich mag das Unbekannte, das sich hinter dem «vous» verbirgt.

Das Duzen, ist das also die Entfesselung/der Ausbruch der Liebe?

Nein, ich sehe darin vielmehr eine Fadheit, etwas zu sehr Angewöhntes...

In der fleischlichen Liebe zum Beispiel?

Hmm... ich liebe die Distanz des "vous", ich mag, was das gleichzeitig an Geheimen hervorrufen kann, vielleicht diese nicht-fleischliche Sache.

Ist das also eine Distanz, die es erlaubt, möglicherweise weiter zu gehen?

Die auf jeden Fall elektrisiert...

«Si vieillir m’était compté», die nächste Anspielung aus Ihrem neuen Album. Die Nacht scheint mir mit, nun, vielleicht dem Tod verglichen zu werden, sie hat die Finger einer Fee, und auch die einer Frau...

Ja... Aber der Mond (im Französ. ist «der Mond» weiblich, «la lune»;Anm. PM) ist auch eine Frau (lacht)...

Ist darin eine Gleichstellung/ein Vergleich mit der weiblichen Kraft zu sehen, auf die Sie in einem anderen Stück anspielen?

Ich mußte vielleicht über etwas Rechenschaft ablegen... aber es ist zweifellos wahr (lacht). Das «Méfie-toi» («Nimm Dich in acht») wollte drohend sein und, glaube ich, ist es auch... (lacht)

Haben Sie Angst vor dem Altern?

Ich mag diesen Gedanken nicht, ja...

In «Souviens-toi du jour...» singen Sie Worte, die nicht französisch sind. Was bedeuten Sie? 

Es ist Hebräisch und heißt eben «Souviens-toi du jour» («Erinnere Dich an den Tag») – das steht in der Torah. Als ich dieses Lied geschrieben habe, las ich sehr intensiv ein Lieblingsbuch, «Si c’est un homme» («Ist das ein Mensch?») von Primo Levi, der darin von seiner Deportation (durch die Nazis) erzählt. Ich wollte darüber sprechen, ohne es allzu allzu offensichtlich aufzudrängen. Deshalb sind verschiedene Lesarten möglich. Aber daran hatte ich gedacht – an die Notwendigkeit, sich an diese Dinge/Ereignisse zu erinnern.

Noch eine Frage bezüglich der Musiker, die Sie umgeben. Viele von ihnen sind aus anderen Ländern – gelingt es Ihnen, wenn Sie mit ihnen zusammenarbeiten, ihnen das Wesen der Texte klar zu machen, und schaffen Sie es, daß sie es musikalisch genau so umsetzen, wie Sie Ihre Gedichte vertont haben möchten?

Ich habe auf jeden Fall das Glück, mit Musikern zusammenzuarbeiten, die mich immer von sich aus gefragt haben "Was bedeuten die Texte?", "Was wollen Sie damit ausdrücken?". Mit einer ungefähren Übersetzung – es ist immer schwierig, etwas exakt zu übersetzen, wegen der Wortspiele und solchen Dingen –, konnte ich ihnen die, wenn ich so sagen darf, Seele des Liedes verdeutlichen. Darüber hinaus gab es aber genug Elemente, die sehr präszise umzusetzen waren, bei denen es wenig Raum für Improvisation gab. Ich mag die Tatsache, daß sie sich dafür interessiert und nicht nur einfach eine Session nach der anderen eingespielt haben. Und die meisten von ihnen haben bereits auf dem vorigen Album mitgewirkt, auf der letzten Tour, deshalb haben wir inzwischen einige Verbindungen. Sie haben das Publikum gesehen, sie haben gesehen, was sich auf der Bühne abspielte und ich weiß, daß sie diese Momente sehr lieben. Deshalb waren sie auch glücklich, sich jetzt wieder aufs neue daran beteiligen zu können.

Man entdeckt im letzten, bombastischen Stück des Albums ein großes Abenteuer. Das Lied heißt «Mylenium», Mylene geschrieben wie Mylène und "Millenium", nun, wie der Übergang ins neue Jahrtausend... Ist dieses Album «Innamoramento» wichtig, weil es das Cap des Millenniums umschifft?

Nein, alle Alben waren – und sind – für mich wichtig. Im Grund pfeife ich total auf das Jahr 2000 und diesen Übergang, das ruft in mir nichts Besonderes hervor. 99 ist schwarz genug, hier spreche ich nicht für mich, sondern von einer Allgemeinheit, einer Aktualität... Nun, ich habe mir das Millennium mit Hilfe des Vornamens angeeignet, das war sehr verlockend (schelmisches Lachen)!

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Presse 1999