TéléVidéoJaquette

Interview mit Mylène Farmer, 1986

(Übersetzt von Peter Marwitz, März 2000)



TéléVidéoJaquette: Wie ist «Libertine» entstanden?

Mylène Farmer: Der Text des Liedes? Es war fast eine Idee von mir: wir waren im Studio, und in dem Moment, wo meine Stimme über die musikalische Struktur gelegt werden sollte, habe ich die Worte aus Zufall gesungen, ich sollte an dem Tag sehr fröhlich sein, ich sang «je suis une pute, une putain» («ich bin eine Dirne, eine Nutte»)! Der Komponist sagte sich «Ziemlich übermütig, aber das ist es!» und hat daraus «Libertine» gemacht!

Und die Geschichte, die der Clip erzählt, dessen Ästhetik an Barry Lyndon (Stanley Kubricks oscargekrönten Film aus dem Jahre 1973; Anm. PM) denken läßt?

Es ist eine berufsmäßige Mißbildung (?? «déformation professionelle»; kann auch: professionelle Verballhornung heißen; Anm. PM), diese Referenz herzustellen! Aber es stimmt, daß es eine ähnliche Arbeit der Lichter gibt, Kerzen-Beleuchtung, bleiche Schminke; die Libertinage ruft das 17. Jahrhundert hervor, und weil ich den Film «Duellistes» von Ridley Scott sehr mag, wollte ich ein Duell mit hereinnehmen. All diese Arbeiten sind zu zweit gemacht worden, ich beanspruche dabei keine Vater-/Mutterschaft! Was zählt, ist das Ergebnis! Mein Part ist, bei allem präsent zu sein.

Sehen Sie sich zu Hause Filme auf Video an?

Mehr und mehr, aus Faulheit! Ich sehe all die Filme, die ich während einer Zeit verpaßt habe, in der ich keine Lust hatte, ins Kino zu gehen, vielleicht, weil ich Lust hatte, Kino zu machen! Ich werde mir zum 50. Mal «Un tramway nommé désir» anschauen, und demnächst werde ich mir «E.T.» ansehen, von dem man mir eine Videocassette geliehen hat!

Man hat Ihnen vorgeschlagen, Kino zu machen!

Nein, ich schreite nicht vor den Leuten auf und ab, die mir das ermöglichen könnten, ich gehe wenig aus und auf jeden Fall beweist die Tatsache, daß ich zwei Clips im Kinostil gemacht habe, nicht, daß man eine große Schauspielerin ist!

Warum lassen Sie Libertine am Ende des Clips sterben wie in einem Film, wo es die "Moral" ist, eine Frau von geringer Sittsamkeit zu unterdrücken?

Ich gebe zu, daß das die Idee des Regisserus (Laurent Boutonnat) war; ich finde, daß der Schluß schön ist, es ist auf jeden Fall eine traurige Geschichte, aber denken Sie daran, daß das die Kino-Version ist! Im Fernsehen ist sie gekürzt, man sieht das Duell zu Beginn nicht, es beginnt mit dem Galopp des Pferdes und endet mit dem Verlassen des Salons, bevor Libertine stirbt.

Ein unmoralisches Lied sollte unmoralisch enden, nicht? Wo befindet sich die Unsittlichkeit und die Provokation, die man Ihnen in der Presse zuschreibt?

Unvermeidlich durch meine Lieder und auch durch die Choreographien, die ich im Fernsehen zeige; gewisse Gesten stören die Leute unheimlich.

Ist es eine Provokation oder eine Notwendigkeit, wenn Sie sich in einem Clip ausziehen?

Es ist niemals notwendig, sich zu entkleiden, es ist immer Beiwerk und es ist berechtigt oder unberechtigt, vulgär oder genauso normal wie eine Tasse Tee zu trinken. Hier, in diesem Fall, glaube ich nicht, daß es vulgär ist, es geht um Libertinage, deshalb, falls es keinen Po oder keinen Moment der Nacktheit gegeben hätte... Ich habe zu diesem Thema nichts Großartiges zu sagen, sich vor einer Kamera zu produzieren und seine Geheimnisse zu entblättern, ist genauso obszön, wie sich auf dem Bildschirm nackt zu zeigen.

Würden Sie es wie Marushka Detmers in «Le Diable au corps» («Den Teufel im Blut») machen?

Das ist eine ziemlich lästerliche Frage! Das würde ich mir überlegen. Ich denke, daß es nicht unverzichtbar ist, so etwas in einem Film zu tun, es sei denn, um Zuschauer anzulocken!

Pflegen Sie ein "Markenzeichen"?

Nicht wirklich, ich denke über ein CD-Cover nach, einen Fernsehauftritt, über Pressefotos, über Interviews, ich weiß nicht...

Achten Sie darauf, bestimmte Dinge nicht zu sagen?

Gewisse, ja. Ich sage sie nicht mehr, weil sie falsch verstanden wurden!

Lügen Sie?

Ja, selbstverständlich! Das ist das Privileg des Künstlers! Den Begriff der Ernsthaftigkeit, der ständig überall auftaucht, ächte ich vollkommen in diesem Metier des Anscheins/Gehabes!

Glauben Sie, daß Sie auf dem Gebiet des Liedes innovativ sind?

Das Lied ist eine "kleine Kunst", wie Gainsbourg sagt, man darf sich nicht zu ernst nehmen! Ich habe Themen wie den Tod, die Mutter, die Religion aufgebracht, von denen man sonst in der Musik nicht oft gesprochen hat.

Was haben Sie am Anfang am liebsten gehört?

Nichts, ich liebte nichts und niemanden (lacht)! Doch, Jacques Dutronc mag ich sehr. Ich glaube, ich habe nicht viel Musik gehört, als ich Kind war. Danach habe ich mich der Filmmusik zugewandt und damit weitergemacht, auch ein wenig klassische Musik. Zu Beginn mochte ich den Film und die Musik, inzwischen muß ich die Bilder nicht kennen, um mir eine Platte mit Filmmusik zu kaufen, vor allem die von John Barry, den ich bewundere.

Haben Sie Gesangsunterricht genommen?

Nein, ich nutze die Qualitäten meiner Unvollkommenheiten/Fehler! Eine zarte Stimme, die die Leute interessiert, so wie sie ist!

Haben Sie wirklich eine religiöse Ausbildung gehabt?

Ich könnte Sie hier belügen! (lacht) Ich wurde durch die «bonnes soeurs» («gute Schwestern»/Nonnen?) traumatisiert, sie haben mir einen Klaps/Schlag versetzt, ich warf meinen Nachtisch auf den Boden...

Haben Sie das Feuer entfacht?

Nein, ich hätte das sehr gemocht, aber ich hatte noch nicht den Charakter/Sinn dafür! Inzwischen glaube ich, daß ich es tun würde, und nun (sie setzt einen entschlossenen Gesichtsausdruck auf) sage ich mir manchmal, daß ich eines Tages zur Ordnung zurückkehren werde.

Erzählen Sie mir nicht, ob Sie darunter gelitten haben?

(ein Lächeln unterdrückend, und mit Bedauern) Heute habe ich keine Lust, zu lügen! (lacht) Nein, ernsthaft, obwohl ich mich zu diesem Milieu überhaupt nicht hingezogen fühle.

Man erzählt, daß Sie gezeichnet/gemalt haben?

Ja, ich habe wenig Zeit dafür und ich habe nicht viel Phantasie, meine Zeichnungen sind immer etwas morbide, ich male ausgerenkte Männchen...

Haben Sie all Reitszenen in «Libertine» selbst gemacht?

Ich habe seit fünf Jahren geritten, inzwischen habe ich keine Zeit mehr dafür, aber wenn ich ein Pferd hätte, würde ich häufig reiten, frei, ohne in eine Reitbahn zu gehen, ohne mich zu langweilen! Ich wollte alle Reitszenen in «Libertine» selbst machen, aber schließlich ist eine Reiterin für den Galopp in den Sattel gestiegen und hat mich bei einigen Szenen des Attentats gedoubelt; wenn ich einen Unfall gehabt hätte, wäre alles gestrichen worden!

Sagen Sie mir, wieviel der Clip zu «Libertine» gekostet hat? («Plus grandir» hatte ein Budget von 330.000FF!)

Nein (lacht)! Das hat keine hundert Barren gekostet, wie manche es vermuten, ich habe keine Lust, den Preis zu verraten! Wenn die Leute ihn für sehr teuer halten, dann ist er gelungen, und er hat nur die Hälfte dessen gekostet, was ein französischer Clip normalerweise wert ist! Ein Minimum an Geld, ein Maximum an Talent!

Schreiben Sie Geschichten?

Nein, ich schreibe nichts, ich lösche aus!

Was löschen Sie aus?

Alles, alles, was sich früher abgespielt hat! Ich habe eine Gabe, mich nur noch an das zu erinnern, was wirklich markant ist. An meine Kindheit, meine jüngste Vergangenheit möchte ich nicht eine Sekunde denken! Das wäre eine Regression, ich benötige es, in die Zukunft zu gehen, nicht zurückzuschauen.

Welche Einstellung haben die Männer Ihnen gegenüber? Werden sie durch Ihre Berühmtheit angezogen oder machen Sie ihnen Angst?

Nicht die ganze Welt fühlt sich wohl/ungezwungen mit mir, ich ziehe daraus keine weitere Befriedigung, ich bemerke es, und auf jeden Fall habe ich kein Verlangen danach, daß sie sich in meiner Gegenwart wohl fühlten. Ich weiß es nicht, ich habe den Eindruck, eine alte Großmutter zu sein, wenn man mir diese Frage stellt! Ich erhalte Briefe von Leuten, die ich nicht kenne, die ihre Begeisterung/Liebesglut bekanntgeben (Mylène unterbricht sich) ... nein, ich erzähle Blödsinn, ich mache keine Feststellung darüber!

Und von welchen Menschen fühlen Sie sich angezogen?

Sehr häufig von denen, denen ich mich nicht nähern kann, Herr Doktor! Diejenigen, die einen Sinn fürs Verrückte haben. Das Leben ist bereits mühsam und traurig genug, da wird man sich nicht mit Leuten langweilen, die Zahnprobleme haben!

Ihre Lieder klingen oft sehr fröhlich, auch wenn sie sich mit schweren oder morbiden Themen auseinandersetzen, nicht?

Weil sie zynisch sind; der Zynismus rettet alles!

Sind Sie gläubig?

Nein! Im Gegenteil könnte ich durch jemanden wie die Heilige Thérèse d’Avila interessiert sein, die auch gemeingefährlich war!

"Auch"? Halten Sie sich für gemeingefährlich?

Das ist ein wenig der Eindruck, den ich mit dem vermittle, was ich mache. Ich glaube nicht, jemand Verrücktes zu sein. Im Leben hat jeder seine Augenblicke der Geistesstörung, aber in diesen Momenten bin  ich allein, nur mein Affe ist da, der mich mit seinen runden Augen anschaut!

Können Sie mir Ihren Charakter definieren?

(energisch den Kopf schüttelnd) Nein! (lacht) Charakterhaft?

Na gut, denken Sie, daß Sie sich selbst gut kennen?

Ja, oh ja! Leider, aber ja!

Haben Sie bereits gefunden, was Sie wirklich im Leben machen wollen?

Das ist die Art von Fragen, auf die ich nicht antworte! (lacht) Die Zukunft wird zeigen, ob man mich dafür geschaffen hat!

Haben Sie Lust, auch andere Sachen zu machen?

Ich möchte in allen Bereichen erfolgreich sein, nicht die gleiche Sache 20 Jahre lang machen, Musik, Kino, mich mit 50 um Tiere kümmen, warum nicht, alles und nichts!

Eine Familie gründen?

Nein, das arme, arme Kind! Dazu habe ich einfach keine Lust...

Denken Sie, daß jeder ein klar umrissenes Schicksal hat?

Es ist grausam, aber ich glaube, ja. Danach ist es eine Frage des Willens, es ist an uns, die großen Wege, die uns gelegt wurden, zu verfeinern.

Wo befinden sich Hölle und Himmel für Sie?

Die Hölle ist, da zu sein, und das Paradies ist ebenfalls, da zu sein! Krankheit ist die Hölle, die schlimmste Sache, die jemanden ereilen kann; und außerdem «l’Enfer c’est les autres» («die Hölle sind die anderen»), wie mal jemand – ich weiß nicht mehr, wer – gesagt hat! (Anm. P.M.: Die Zeile stammt aus Mylènes Lied «Vieux bouc» und aus Jean-Paul Sartres Werken...)

 
Presse 1986