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Interview mit Mylène Farmer, April 1988
(Übersetzung durch Peter Marwitz, Mai 2000)
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Eine Mutter, die unrecht hatte, hat sie dazu gebracht, nicht mehr zu wachsen und zu denken, daß wir alle Verrückte sind. Mit der Zeit wurde sie, ohne Fälschung, freizügig und kündigt uns «Ainsi sois-je» an. (Anm. P.M.: Natürlich versucht der Autor mit diesen gar lustiglichen Wortkaskaden, Mylènes Singles «Maman a tort», «On est tous des imbéciles», «Plus grandir», «Sans contrefaçon» und «Libertine» geschickt in den Text einfließen zu lassen. Das Album, um das es hier geht, heißt jedoch «Ainsi soit je...», und ich werde es im weiteren Text frecherweise in der richtigen Schreibweise verwenden...)
Mehrdeutig, geheim, Mylène Farmer ist eine besondere Künstlerin im französischen Show-Business. Wenn bereits die Texte ihrer Lieder beunruhigen, oder vielmehr erstaunen, kann man von dieser Persönlichkeit, halb Engel, halb Dämon, nur fasziniert sein...
Hervé Naguet: Bevor wir von deinem neuen Album sprechen, möchte ich gerne auf «Sans contrefaçon» zurückkommen und dich fragen, ob du, wenn du wählen könntest, es vorgezogen hättest, ein Junge zu sein?
Mylène Farmer: Das einzige, was ich sagen kann, ist, daß ein ganzer Abschnitt in meiner Kindheit ein Fegefeuer darstellte, das heißt, daß ich in meinem Verhalten weder wie ein junges Mädchen noch wie ein kleiner Junge erschien. Ein Lied ist mehr eine Freude und ein Spaß. Selbst wenn, wovon man ausgehen muß, das Berühren dieses Themas kein Zufall/Versehen ist, so handelt es sich dennoch (nur) um ein Lied.
Wieviel Zeit hast du mit Laurent am Album «Ainsi soit je...» gearbeitet?
Vier Monate im Studio und, mit dem Schreiben der Texte, dem Anhören der Musik durch Laurent etc., schätze ich die Arbeit auf insgesamt fünf, sechs Monate.
«Ainsi sois-je» («So soll ich sein«, in Anlehnung an den französischen Begriff für Amen «Ainsi soit-il»; Anm. P.M.), ist das als Titel nicht etwas größenwahnsinnig?
Es ist wahr, daß «Ainsi sois-je» zu sagen und zu betonen, eine Art Größenwahnsinn ist, aber so wie ich es meine, habe ich es nicht mit dieser Absicht formuliert. Nun, jeder wird es so interpretieren, wie er es empfindet. «Ainsi soit je...» ist die Darstellung einer jungen Frau mit all ihren Paradoxa und Mehrdeutigkeiten. «Ainsi soit je...», das ist auch das Universum von Edgar Poe und, indirekt, auch das von Baudelaire. Es ist die Darstellung einer Person und ihrer Persönlichkeit.
Gibt es in «Ainsi soit je...» einen roten Faden?
Man erzählt mir etwas von Konzeptalbum, ich ahne, was das heißen soll, ohne es sehr zu verstehen. Ich kann anders darüber sprechen, weil ich alle Texte geschrieben habe und Autoren, Persönlichkeiten und Themen berühre, die aus mir kommen. Wenn ich von Edgar Poe spreche, geschieht dies, weil er jemand ist, der wirklich Teil meines Lebens ist. Baudelaire, das ist wieder eine andere Sache. Sans logique, das ist das satanische und engelsgleiche Paradox. Meine Persönlichkeit und meine Dualität, sie ist wirklich so. Ich kann leicht von einem Extrem zum anderen schwanken.
Du hast «Cendres de lune», dein voriges Album, eher als eine Platte der Atmosphäre/Stimmung als eine der Promotion (? «promotion») definiert. Wie würdest du «Ainsi soit je» definieren?
Ich mag es nicht, Sachen zu definieren. Wenn man in Interviews antwortet, ist man ein wenig dazu gezwungen, die Dinge zu vereinfachen. Wenn ich dir sage, daß das erste Album intuitiv war und das zweite sehr viel fundierter, so ist das verzerrt, aber dennoch ein stückweit wahr. Wenn du ein erstes Werk machst, Platte oder Buch, willst du von dermaßen vielen Dingen erzählen, daß es manchmal etwas konfus ist. Mit einem zweiten Album beherrschst du dein Werk besser.
Du erzählst mir von Edgar Poe und Baudelaire, das sind zwei seltsame Schriftsteller mit bizarren Universen. Was erstaunlich ist, wenn man mit anderen Künstlern über dich spricht, ist, daß sie bewundern, was du machst, du sie aber durch deine ein wenig morbiden Seiten beunruhigst...
Es stimmt, daß der Tod, die Mutter, der Kindsmord, all diese Tabu-Themen, nicht derartig angesprochen wurden, und daß man, wenn man davon spricht, stört und beunruhigt. Es sind Themen, die mich fesseln und die mich bedrängen/quälen, wie Edgar Poe, der einen durch seine Schriften all seine Todesängste und seine Angst vor dem Nichts nachempfinden läßt. Diese Themen in einem Lied zu berühren, kann stören, sogar schockieren. All das ist schwierig zu erklären, es scheint, als wenn die Leute diese mehrdeutige Seite meiner Persönlichkeit schätzen.
Es stimmt auch, daß deine Promotion (?) den Anschein hat, sehr berechnet (berechnend) zu sein...
Ja, das ist womöglich frustrierend für die Öffentlichkeit, aber das ist es auch für mich. Es ist hart, dazu zu gelangen, seine Persönlichkeit durchzusetzen und es ist leicht, sie zu zerstören. An dem Tag, wo ich mich entschließen werde, auf die Bühne zu gehen, die Menschern zu treffen, die mich lieben, wird zwangsläufig etwas wichtiges für das Publikum und für mich geschehen.
Was hat sich bei dir seit einem Jahr verändert?
Es gibt eine sehr wichtige Sache, das ist die Post/der Schriftverkehr. Ich spreche hier nicht von den Autogrammwünschen, sondern von zwei- oder dreiseitigen Briefen, die mir Dinge über einen selbst erzählen, über die Art, wie die Leute sie wahrnehmen. Je besser es läuft, um so wichtigere Dinge enthalten die Briefe, die mich wirklich berühren im Zusammenhang damit, was ich anbiete.
Außerdem ändert der Erfolg notwendigerweise die Dinge, weniger, was den Geist angeht, als vielmehr das alltägliche Leben. Ich glaube, daß es eine verzehnfachte Mischung aus Furcht und Vergnügen ist, und das eine geht nicht ohne das andere. Es ist ein Genuß, der dich umbringt.
Und dieses «Liebes»-Rendezvous (gemeint sind die Liveauftritte; Anm. P.M.) soll wann stattfinden?
In einem Jahr, zwei Jahren, auf jeden Fall nicht mehr als zwei Jahre.
Der Clip zu «Sans contrefaçon» hat eine erstaunliche Begegnung stattfinden lassen, die zwischen Zouc und Mylène Farmer. Wie ist es dazu gekommen?
Ich kannte Zouc nicht persönlich, aber ich schätze ihre Persönlichkeit und ihre Shows sehr. Sie hat in der Tat einige Gemeinsamkeiten mit mir, denn sie hat u.a. den Bereich der Kindheit und dessen Probleme angesprochen, den Tod, die Geburt. Sie ist eine nicht faßbare Frau, eine Künstlerin. Sie ist eine erstaunliche, verstörende Persönlichkeit.
Die erste Begegnung spielte sich während der Sendung «Mon Zénith et moi» ab, und als wir mit Laurent begonnen hatten, den Clip zu schreiben, hat sich die Persönlichkeit von Zouc angeboten/aufgedrängt. Sie stellt eine Hexe dar, aber eine Hexe mit ihrer mehrdeutigen Seite, du weißt nicht, ob sie eine Fee ist oder eine Hexe.
Videoclips, vor allem diejenigen, die du mit Laurent entwirfst, können zum Kino führen. Wann steht dieses Thema an?
Ich hoffe wirklich, daß wir einen Film zusammen drehen könen, das wäre ein schönes Geschenk. Im Moment gibt es nichts Genaues. Laurent hat ein Projekt, daß sich sicherlich konkretisieren wird. Was mich angeht, so habe ich Angebote erhalten, aber nichts wirklich aufregendes. Ich warte wirklich auf etwas, das mich vollkommen motiviert, weil ich wirklich die Geduld habe, zu warten. Man macht Fehler, wenn man nicht die Kraft der Geduld besitzt.
Ich fände es gut, wenn man ein wenig mehr die persönliche Seite von Mylène Farmer kennen lernt, also daß wir für den Moment aufhören, von der Sängerin zu sprechen, um über ihre Vorlieben und ihre Wünsche zu reden. Ist Mode, der Look für dich wichtig?
Ich finde das Wort Look schauderhaft, ich grusel mich vor dieser Bezeichnung. Was Kleidung angeht, so ist es etwas, das ich bewundere. Meine Mutter ist diesbezüglich genauso, sie liebt es sich zu kleiden und natürlich hat mich das geprägt. Nun, der körperliche Aspekt ist nicht immer ein Spiegelbild des geistigen, aber Schuhe sind sehr wichtig und können eine Persönlichkeit durchscheinen lassen. (In diesem Moment brechen wir beide in Lachen aus, weil ich mich instinktiv runtergebeugt habe, um zu sehen, welche Schuhe ich trage.)
Und die Politik? Reagierst du auf das, was sich aktuell ereignet?
Ich kann politische Ansichten haben, aber ich äußere mich dazu nicht, abgesehen von sehr sehr wichtigen Dingen, wo ich von meinem Bekanntheitsgrad profitieren kann, um Dinge voranzubringen, also auf Leute einzuwirken.
Würdest du die Tatsache, eine Person des öffentlichen Interesses zu sein, dazu benutzen, um einen Zweck zu unterstützen, wenn man dich danach fragt?
Nein. Es gibt eine Sache, die ich schade finde, und das ist, daß derzeit zahlreiche TV-Sendungen um Spenden bitten für diesen oder jenen Zweck. Das ist großartig, aber es kommt ein Moment, wo es zu viel wird, die Leute haben ihre Grenzen. Man hat mich häufig gebeten, an Galas für X oder Y teilzunehmen, ich habe nein gesagt. An dem Tag, wo ich Lust habe, etwas zu tun, werde ich es direkt tun ohne daß die ganze Welt erfährt, daß ich einen Scheck über soundsoviel Franc ausgefüllt habe. Ich benötige es, mich zu respektieren, und ich könnte es nicht anders machen.
Wie definierst du die Liebe und wie lebst du sie?
Wer ist in der Lage, sie zu definieren? Sie ist die unzugänglichste Sache, die es gibt, sie ist eine Mischung aus Euphorie und Furcht. Einmal mehr denke ich an Edgar Poe, der eine Novelle für eine Frau geschrieben hat, die zweifellos die ideale Frau ist. Alle Superlative, mit der man sie beschreiben könnte, sind zerstörerisch und nicht faßbar.
Schaffst du es, sie gut zu (er)leben?
Weder gut noch schlecht. Ich lebe sie mit dem, was ich gerade gesagt hatte, mit Momenten der Euphorie und schrecklichen Momenten. Aber so ist das Leben für die ganze Welt, ob Künstler oder nicht. Du kannst Millionen von Platten verkaufen oder Arbeiter sein und dich am Morgen mit dem Wunsch nach Selbstmord erheben. Der Alltag ist am schwierigsten zu leben.
Welches ist das Wort, das dir Angst macht?
Die Sache, die mich am meisten aufwühlt/quält und die mir am meisten zusetzt, ist die unaufhörliche Desillusionierung. Mit dieser Vorstellung der Verhöhnung zu leben, das ist am härtesten.
Und die Zeit?
Sie verfolgt mich. Unter anderem deshalb auch die Wahl von «Lhorloge» («Die Uhr») von Baudelaire auf diesem Album. Das Entschwinden der Zeit ist furchtbar.
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